Die Erklärung für psychische Phänomene wie Angststarre und Depersonalisation

Zwei Überlebensstrategien bei Gefahr - Die Polyvagal-Theorie

Wenn das Gehirn - aus welchen Gründen auch immer - Gefahr wittert, schaltet es in Überlebensmodi. Wie wir heute wissen, gibt es aber nicht nur eine sondern sogar zwei Überlebensstrategien, die uns die Evolution mit auf den Weg gegeben hat. Die neuen Erkenntnisse der Polyvagal-Theorie hilft auch uns Angstpatienten besser zu verstehen, was mit uns bei einer Panikattacke passiert.


Was der Körper bei Angst macht weiß jeder: der Puls steigt, die Atmung beschleunigt sich - es wird eine Menge Energie freigesetzt, die uns auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Das ist der erste Gang der Überlebensstrategie. 

Da bei einer Panikattacke aber keine sichtbare Gefahr besteht und der Anfänger in Sachen Panikattacke sich dann aufgrund dieser Symptome eher noch weiter in die Angst hineinsteigert, schaltet der Körper mitunter noch einen Gang höher. Dabei übernimmt das Stammhirn die Kontrolle, die Blutzufuhr zum Kortex wird drastisch reduziert. Damit sind alle höheren Gehirnfunktionen wie gelähmt: es fällt schwer einen klaren Gedanken zu fassen und sich auf irgend etwas außer die (potenzielle) Gefahr zu konzentrieren. 


Symptome umfassen häufig:

  • Todesangst
  • Depersonalisation
  • Schockstarre / psychische Lähmung
  • Tunnelblick
  • Unfähigkeit einen klaren Gedanken zu fassen

Diese Symptome sind für sich schon sehr beängstigend - verschlimmert wird das Empfinden allerdings noch dadurch, dass man sich deswegen so fühlt, als würde man nun vollends den Verstand verlieren. 

Tatsächlich lassen sich die Empfindungen aber sehr einfach physiologisch durch die mangelnde Durchblutung des Großhirns erklären. Es gibt also weder während der Panikattacke nach danach Grund, sich darüber Sorgen zu machen. 

Schwierig ist es allerdings, während einer ausgewachsenen Panik sich diese Erkenntnis vor Augen zu halten. In dieser App wird daher empfohlen, eine der Sofortmaßnahmen so zu verinnerlichen, dass der Abruf automatisiert funktioniert. 


Als praktisches Resultat können wir daraus schließen, dass es je nachdem, in welchem Gang wir uns aktuell befinden, auch unterschiedliche Symptome gibt und dementsprechend unterschiedliche Maßnahmen, wie man als Angstpatient damit am besten umgeht. 

Da die Polyvagaltheorie noch jung ist, gibt es allerdings noch keine offiziellen Handlungsempfehlungen. Umso mehr freuen wir uns, wenn ihr schreibt, was ihr dazu denkt und welche Erfahrungen ihr gemacht habt. 

Details zur Polyvagaltheorie

Die Polyvagaltheorie sagt aus, dass es nicht nur den einen Vagusnerv gibt, sondern dass sich dieser in zwei verschiedene Nerven aufteilt: den ventralen Vagusnerv und den dorsalen Vagusnerv. Letzterer ist entwicklungsgeschichtlich noch älter und wird dann aktiviert, wenn die Aktivierung des ventralen Vagus' (Flucht) die Gefahr nicht "abschütteln" kann. Der dorsale Vagusnerv bewirkt dann als finale Überlebensstrategie die Erstarrung. Damit werden einerseits Ressourcen geschont, andererseits wird das Beutetier durch die Reglosigkeit für das Raubtier quasi unsichtbar. Wir kennen das sprichwörtliche Kaninchen, das reglos die Schlange anstarrt. 

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